Die Berge des Himalaya
(The mountains of Himalaya)

Mount Everest, K2, Kangchenjunga, Lhotse, Makalu, Cho Oyu, Dhaulagiri I, Manaslu, Nanga Parbat, Broad Peak, Annapurna I, Gasherbrum, Shisha Pangma und viele andere

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Karakorum Baltoro

 

Hier können Sie eine Karte in größerem Maßstab öffnen!

Eine sehr gute Karte auf der Basis von detaillierten Satelliten-Fotos ist "K2 and Baltoro Glacier 1:80.000" von Grzegorz Glazek.
Nähere Informationen mit Adressen zur Bestellung im In- und Ausland sowie einen Detail-Ausschnitt finden Sie unter http://www.mastertopo.com/maps/baltoro/index.htm.

Quellen der Detail-Informationen:

- A Study of Karakorum & Hindukush Mountains, Edited by Tsuneo Miyamori & Sadao Karibe, 
  Map no.   8 - Biafo-Glacier & Skardu, 1 : 150.000
  Map no. 10 - Baltoro-Glacier & Khapulu, 1 : 150.000
  Map no. 13 - Baltoro-Glacier, 1 : 75.000
- Eigene Auswertungen von Fotos zu Höhen bestimmter Gipfel wie Skil Brum, Skyang Kangri u.a. 

Anmerkungen zu den Fotos in der folgenden Beschreibung:

Die Fotos der folgenden Beschreibung - mit Ausnahme der einleitenden beiden Luftbilder - gehören zur Routenbeschreibung der rechten Spalte. Sie stehen - auf beide Spalten verteilt - auf der jeweiligen Höhe des zugehörigen Textes in der Routenbeschreibung.

Die meisten der folgenden Bilder stammen von dem Extrembergsteiger Dieter Porsche. Er hat diese und viele andere Bilder anlässlich seiner Besteigung des Gasherbrum I (Hidden Peak) im Jahr 1998 gemacht. In seinem umfangreich bebilderten Buch "Der versteckte Achttausender - Triumph und Tragödie am Hidden Peak" kann der Leser diese Landschaft erleben und an der Besteigung eines 8000ers teilhaben. 

Neu sind die großen Gipfelpanoramen von K2, Gasherbrum I und Broad Peak, welche diese Seite hervorragend ergänzen.

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Links zu zugehörigen Informationen  dieser Website:

- Gesamtübersicht über den Himalaya 
- Karakorum Übersicht

- Karakorum Ost / K2 und Shaksgam
- Gipfelliste "Gipfel > 6750 m"
- Gipfelliste "Berge im Karakorum"  
- Die 14 Achttausender mit K2, Gasherbrum I, Broad Peak, Gasherbrum II
- K2, Geschichte und Literatur
- K2 - Gipfelpanorama
- Gasherbrum I, Geschichte und Literatur
- Gasherbrum I - Gipfelpanorama
- Broad Peak, Geschichte und Literatur
- Broad Peak - Gipfelpanorama
- Gasherbrum II, Geschichte und Literatur 
- Hohe Siebentausender mit Gasherbrum III, Gasherbrum IV und Masherbrum
- Aussichtspunkt Urdukas
- Aussichtspunkt Concordia 
- Passübergang Ghondogoro La      
- Kashmir-Konflikt
- Bildergalerien von Gipfelbesteigungen im Baltoro
- Bildergalerien von Trekking-Touren im Baltoro 
- Bildergalerien zum südlichen Karakorum 

(1) Luftbild des Baltoro-Gletschers von Westen in Richtung Concordia-Platz
(Bitte öffnen Sie das Bild im Großformat; dort ist die Beschriftung gut lesbar.)
Foto: Guilhem Vellut; Beschriftung: Günter Seyfferth

Topografie der Region und Erstbesteigungen:

Das Gebiet des Baltoro-Gletschers bietet ohne Zweifel die spektukulärste Szenerie des gesamten Himalaya. Deshalb wird dem Baltoro eine umfangreichere Beschreibung als den übrigen Regionen des Karakorum gewidmet

K2 (8611 m), Gasherbrum I (8068 m), Broad Peak (8051 m) und Gasherbrum II (8035 m) – alle vier Achttausender des Karakorum liegen am oberen Ende des Baltoro-Gletschers. Dies ist der Hauptgrund dafür, dass der 58 km lange Gletscher im Zentrum des Karakorum das mit Abstand beliebteste Ziel von Bergsteigern und Trekkern im Karakorum ist. Aber auch die unzähligen anderen Gipfel entlang dieses mächtigen Eisstromes und seiner Seitenarme bilden ein so beeindruckendes Amphitheater aus Fels und Eis, dass auf der Erde nichts vergleichbares zu finden ist. "Baltoro" ist in der Welt der Bergfreunde der Inbegriff für wilde und äußerst faszinierende Gebirgswelt – abschreckend und anziehend zugleich. Dagegen wirkt sogar die Khumbu-Region am Mount Everest – die am häufigsten besuchte Region des Himalaya - trotz ihrer spektakulären Szenerie geradezu lieblich und sanft.

Und da gibt es noch einen wesentlichen Unterschied zu den 8 Achttausendern in Nepal und zum Nanga Parbat in der Nähe des Karakorum-Highway: Die vier Achttausender des Baltoro sind von keiner Siedlung aus zu sehen. Der Karakorum ist nur in seinen Randgebieten im Westen, Nordwesten und Süden bewohnt. Daneben gibt es nur noch die kleinen Orte Shimshal und Askole, die in der Nähe des Zentrums des Karokorums liegen. Askole ist der letzte Ort auf dem Weg zum Baltoro, aber immer noch ca. 75 km Luftlinie von den Achttausendern entfernt.

Wenn man den unter "Karakorum Übersicht" beschriebenen Verlauf des Great Karakorum und der Südkette des Lesser Karakorum verinnerlicht hat, kann man auch die Topografie des Baltoro und seines Zugangs einordnen. Von Skardu am Südrand des Karakorum bewegt man sich zunächst entlang des Shigar von Südosten nach Nordwesten parallel zur Südkette des Lesser Karakorum; man entfernt sich zunächst vom Ziel. Mit dem Schwenk um 135 Grad nach Osten um den Ausläufer der Masherbrum-Range herum ins Braldu-Tal ist man am Ort des Durchbruchs durch die Südkette. Im Bereich von Askole befindet man sich schon zwischen der Südkette und dem Great Karakorum und auch auf dem gesamten folgenden Weg zu den hohen Gipfeln. Bis Concordia war man der "Ausnahme-Richtung" des Baltoro von West nach Ost gefolgt, vom Concordia-Platz aus schwenkt man wieder in die Hauptrichtung des Karakorum ein, wenn man den Baltoro-Gletscher weiter aufwärts geht, z.B. zu den Gasherbrum-Gipfeln. Zum K2 hingegen geht man von Concordia in das Seitental des Godwin Austen-Gletschers nach Norden. Die vier Achttausender des Baltoro liegen genau auf der Kammlinie des Great Karakorum.

Während der Boden des Shigar-Tales sehr breit ist und somit dem Straßenbau keine ernsthaften Hindernisse in den Weg stellte, ist das nach Osten abbiegende Tal des Süd-Braldu eher eine Schlucht mit steinschlaggefährdeten Hängen. Abgesehen von den grünen Oasen um die Orte ist die Region zwischen Skardu und Askole eine wüstenhafte Landschaft. 

Das Tal von Askole bis zur Zunge des Baltoro-Gletschers ist zwar ebenfalls wild, aber abwechslungsrei- cher und farbiger. Einerseits fällt hier - bedingt durch die Lage oberhalb von 3000 m - schon etwas mehr Niederschlag, der auch den Pflanzen in der freien Natur einen  - wenn auch spärlichen - Lebensraum gibt; andererseits eröffnen sich immer wieder Blicke auf schneebedeckte Berge und Zinnen. Für Abwechslung sorgen auch die beiden Seitentäler, die östlich von Askole von Norden einmünden: das Tal des Biafo mit der gewaltigen Stirnmoräne des gleichnamigen Gletschers und das enge Tal des Dumord-River, das bis zur Hängebrücke bei Jhula 3 km hinauf und jenseits wieder 3 km hinunter gegangen werden muss. Hier beherrscht die kühne Gestalt des Bakhor Das die Szene. Nähert man sich dem Rastplatz Payu, so sind schon die Kathedralen am Baltoro-Gletscher im Blick und - wenn man Wetterglück hat - auch die Spitze des K2.

Die Topografie auf der Südseite entlang des Baltoro-Gletschers bis Concordia ist relativ einfach zu überblicken. Von der durchgehenden Bergkette kommen zum Baltoro insgesamt 4 erwähnenswerte Seitengletscher herunter: Der Liligo-Gletscher mit seiner Einmündung beim Lagerplatz Liligo auf etwa 3950 m Höhe, der Mandu-Gletscher 2,5 km jenseits von Urdukas (hier wird erstmals der Blick auf den Masherbrum freigegeben), der unmittelbar folgende Yermanend-Gletscher als westliche Begrenzung des näher am Baltoro gelegenen mehrgipfeligen Biarchedi (6810 m) und der Biarchedi-Gletscher als dessen östliche Begrenzung. 

(4) Blick von Askole (3000 m) zum Bakhor Das (5809 m), dem nördlichen Ausläufer 
der Mango Gusor-Gruppe in der Südkette des Lesser Karakorum
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Der Masherbrum mit 7821 m Höhe ist der Kulminationspunkt dieser Gipfelkette, vom Baltoro-Gletscher gesehen besonders beeindruckend mit seiner abschreckenden Nordwand. 3700 m überragt der Gipfel den Standort auf dem Gletscher, und doch ist er 10 km entfernt. Die Dimensionen sind auf Anhieb nicht zu erfassen. 1960 haben Amerikaner erstmals den Gipfel erreicht, von Süden. Aber diese Nordwand! Im oberen Bereich unbestiegen, denn die Japaner wurden bei ihrem Versuch im Jahr 1985 oberhalb von 7200 m durch die schwierigen Verhältnisse gezwungen, nach rechts auf den Nordwestgrat auszuweichen. Der Biarchedi ist noch unbestiegen. Am östlichen Ende der Kette steht der Mitre Peak (6025 m) als Wächter am südwestlichen Eck des Concordia-Platzes. Er wurde im Jahr 1980 von Ivano Ghirardini im Alleingang über die Westflanke erstiegen. Der Name des Berges kommt von Mitra = Bischofsmütze, denn so sieht er von Concordia tatsächlich aus.

Die nördliche Begrenzung des Baltoro-Gletschers bis Concordia ist extrem vielfältig strukturiert. Die Zahl der Seitentäler des Great Karakorum ist größer, und sie sind auf ihrer Länge von 12 bis 15 km bis zum Kamm des Great Karakorum deutlich tiefer eingeschnitten als diejenigen auf der Südseite. Auffallend ist der Unterschied in den Bergformen. Das untere Drittel des Baltoro-Gletschers wird von den rotbraunen Granittürmen von Payu-Peak (6640 m) über Uli Biaho Tower (6109 m), Nameless Tower (6239 m), Great Trango Tower (6286 m), Thunmo-Kathedrale (5866 m) bis hin zur Spitze des Lobsang Spire (5707 m) beherrscht. Diese Türme stehlen der gegenüberliegenden südlichen Seite des Baltoro eindeutig die Schau. Es ist eine geradezu unwirklich anmutende Ansammlung spektakulärer Formen von Bergen. Auch erst allmählich begreift man, dass die Spitzen dieser Türme den Betrachter um 2800 m am Payu Peak und immerhin noch 1600 m am Lobsang Spire überragen. Dass der jenseitige Rand des Gletschers ca. 2200 m entfernt ist, will man auch nicht glauben. Diese Berggruppen, die von Uli Biaho-Gletscher, Trango-Gletscher, Dunge-Gletscher und Biale-Gletscher voneinander getrennt sind, sind einer der Gründe für die Berühmtheit der Bergwelt des Baltoro. Fast alle diese Zinnen sind bestiegen: Der Payu Peak im Jahr 1976, der Uli Biaho Tower im Jahr 1979, der Nameless Tower im Jahr 1976, der Great Trango Tower im Jahr 1977, der Lobsang Spire im Jahr 1983. Im Hintergrund, am Ende der Seitentäler sieht man eisbewehrte Berge des Hauptkamms, alles 6000er, deren Namen, sofern sie denn einen haben, hier nicht aufgeführt zu werden brauchen.

Jenseits des Rastplatzes Urdukas wechseln die Bergformen der Nordseite. Statt senkrechter Wände gibt es wieder flacher geneigte Grate und Hänge, hin und wieder noch unterbrochen durch eine scharfe Zinne. Auf den Muztagh-Gletscher folgt die Gruppe des Muztagh Tower. Der Muztagh Tower selbst (7284 m) wechselt von einer Dreiecksform in die Form eines schroffen Turms – so vom Lager Gore II aus gesehen. Der Gipfel des Muztagh Tower wurde erstmals im Jahr 1956 von einer britischen Expedition erreicht. Bei Gore II mündet der Biange-Gletscher von Norden, an dessen Ende rechts des Muztagh Tower der Moni Peak (etwa 6300 m) zu sehen ist. Die scharfe Spitze des New Cristal Peak (6252 m) und der hellfarbige Marble Peak (6256 m) sind die folgenden markanten Punkte, bevor man am Concordia-Platz eintrifft. Hinter diesen "Vorbergen" verbergen sich die 7000er Praqpa Ri (7156 m), Skil Brum (7430 m) und Summa Ri (7286 m) – alle drei westliche "Trabanten" des K2, von diesem durch den Savoia-Gletscher getrennt. Der Skil Brum wurde im Jahr 1957 von den Erstbesteigern des Broad Peak, Markus Schmuck und Fritz Wintersteller, nach ihrem Erfolg an dem 8000er bestiegen. Der Gipfel des Summa Ri wurde 1982 von Schweizern erreicht.

(6) Hängebrücke über den Dumord-River am Lagerplatz Jhula.
Ganz rechts der Bakhor Das (5809 m), im Hintergrund rechts der Mango Gusor (6288 m).
Der Wanderer kam am Ufer des Dumord auf der rechten Bildseite herauf und muss hier von Jhula am Ufer auf der linken Bildseite wieder hinunter in Richtung des Süd-Braldu gehen,
der 3 km entfernt ist.
Foto: Paul
(leider nicht mehr online)

Der bekannte Bergsteiger und Hochgebirgsforscher G.O. Dyhrenfurth hat den Concordia-Platz "eines der gewaltigsten Hochgebirgs-Amphitheater der Welt" genannt. Hier öffnet sich eine freie Sicht nach Norden und nach Süden. Drei gewaltige Berggruppen erstrecken sich von dort über die nächsten jeweils etwa 25 km: Die Gruppe mit K2 (8611 m) und Broad Peak (8051 m) im Norden, die Gasherbrum-Gruppe mit ihren zwei 8000ern Gasherbrum I oder Hidden Peak (8068 m) und Gasherbrum II (8035 m) im Südosten, und schließlich die Chogolisa-Gruppe im Süden. Die ersten beiden Gruppen zählen zum Great Karakorum, die Chogolisa-Gruppe zur Südkette des Lesser Karakorum.

Von Concordia nach Norden verläuft der beeindruckende Godwin-Austen-Gletscher, der als Nebengletscher immerhin auch 20 km lang ist. Von Concordia aus sieht man diesen Gletscher hinauf bis an den etwa 9 km entfernten Fuß des K2. Der Gipfel des K2 (8611 m) ist von Concordia 15 km entfernt und überragt den Standort um 3920 m; Concordia befindet sich immerhin schon auf 4690 m Höhe, also nur knapp unter der Höhe des Mt. Blanc, dem höchsten Berg unserer Alpen. Am K2 knickt der Godwin-Austen-Gletscher um etwa 45 Grad nach Nordosten ab und endet schließlich am Fuß des Skyang Kangri (7530 m), der erstmals 1976 von einer japanischen Expedition bestiegen wurde. Der K2 wurde erstmals im Jahr 1954 von den Italienern Achille Compagnoni und Lino Lacedelli bestiegen. Am Fuß des K2 mündet von Westen der Savoia-Gletscher in den Godwin-Austen-Gletscher, der vom Savoia-Sattel aus die West- und Südwestflanke des K2 umfließt. Im Osten des Godwin-Austen-Gletschers befindet sich das mehrgipfelige Massiv des Broad Peak (8051 m), der erstmals im Jahr 1957 von den vier Teilnehmern einer österreichischen Kleinexpedition Markus Schmuck, Fritz Wintersteller, Kurt Diemberger, Hermann Buhl bestiegen wurde. Wie seine Name schon sagt, ist der Broad Peak ein breit ausgedehnter Gebirgskamm mit Nordgipfel (7490 m), Mittelgipfel (8006 m), Vorgipfel (8035 m) und Hauptgipfel (8051 m).

Im Südosten von Concordia liegt die Gasherbrum-Gruppe. Direkt im Osten über Concordia steht der beeindruckende Gasherbrum IV (7925 m), der erstmals im Jahr 1958 von den Italienern Walter Bonatti und Carlo Mauri über den Nordostgrat bestiegen wurde. Die dem Concordia-Platz zugewandte furchteinflößende Westwand wurde 1995 von dem Österreicher Robert Schauer und dem Polen Wojciech Kurtyka durchstiegen, eine der in Fachkreisen am höchsten bewerteten alpinen Leistungen im Himalaya. Nach Süd-Süd-Ost folgen die Gipfel Gasherbrum V (7120 m), erstmals 1978 erstiegen, und Gasherbrum VI (7004 m). Vom Gasherbrum IV nach Osten folgen Gasherbrum III (7952 m), erstmals 1975 durch Alison Chadwick-Onyszkiewicz, Wanda Rutkiewicz, Janusz Onyszkiewicz und Krzysztof Zdzitowiecki bestiegen, und Gasherbrum II (8035 m), erstmals 1956 durch die Österreicher Fritz Moravec, Sepp Larch und Hans Willenpart bestiegen.

Während bis zum Gasherbrum II der Gipfelkamm durchweg oberhalb von 7000 m liegt, folgt nun nach Südosten eine Absenkung zum 6600 m hohen Gasherbrum-Sattel. Erst dann steigt der Grat wieder steil an zum 8068 m hohen Gasherbrum I oder Hidden Peak. Diese deutliche topografische Trennung von den übrigen Gasherbrum-Gipfeln veranlasst manchen zu sagen, der Hidden Peak hätte eigentlich nichts mit der Gasherbrum-Gruppe zu tun und man solle ihn deshalb grundsätzlich nur Hidden Peak nennen. Es ist aber nun mal seit langem der Gasherbrum I, und dies auch mit gutem Grund, denn der G I ist das Ende einer U-förmigen Bergkette bis zum G VI, deren Hänge ihre Lawinen in das Becken des Gasherbrum-Glet- schers schicken. Von den Teilnehmern der ersten Baltoro-Expeditionen wurde der Berg tatsächlich nur Hidden Peak genannt. Er ist in der Tat ein Berg, der sich versteckt. Kommt man den Baltoro-Gletscher herauf, so ist er im Gegensatz zu allen anderen hohen Gipfeln praktisch nicht zu sehen, es sei denn, man kennt die kurze Strecke zwischen Urdukas und Gore II, von der er knapp rechts neben dem Gasherbrum VI auftaucht. Kurz danach ist er wieder hinter dem G VI versteckt. Dann sieht man den Berg erst wieder, wenn man am oberen Baltoro-Gletscher auf etwa 4900 m Höhe nach Osten in den Abruzzi-Gletscher einbiegt. Dann allerdings präsentiert er sich mit seiner Westwand in voller Größe. Im nach Südosten verlaufenden Südost-Grat des Gasherbrum I befinden sich noch einige Erhebungen, die Urdok I, II und III genannt werden, die aber fast nicht als eigenständige Berge betrachtet werden können. Der Gipfel des Gasherbrum I wurde erstmals im Jahr 1958 von den Amerikanern P. Schoening und A.J. Kauffmann über den Süd-Süd-Ost-Sporn erreicht. Die Kette wird abgeschlossen durch den mehrgipfeligen Sia Kangri (7422 m), dessen Gipfel bereits 1934 von den Münchnern Hans Ertl und Albrecht Höcht erreicht wurde.

(8) Blick vom unteren Baltoro-Gletscher auf Nameless Tower (6239 m),
Great Trango Tower (6286 m) und Kleine Kathedrale (5759 m).
Der Nameless Tower erscheint hier nur deshalb deutlich niedriger als der
Great Trango Tower, weil er weiter entfernt ist.

Zur südlichen gelegenen Chogolisa-Gruppe zählen der mehrgipfelige breite Baltoro Kangri (7300 m), die Chogolisa (7668 m) und der mehrgipfelige Khumul Gri (6851 m). Am Baltoro Kangri war der Südostgipfel (oder Baltoro Kangri V, 7275 m) bereits im Jahr 1934 von der Internationalen Himalaya-Expedition bestiegen worden, der Hauptgipfel (oder Baltoro Kangri III, 7300 m) wurde aber erst von Japanern im Jahr 1963 erreicht. An der Chogolisa wurde der Nordostgipfel (7654 m) im Jahr 1958 von einer japanischen Expedition bestiegen, der Hauptgipfel (7668 m) aber erst im Jahr 1975 durch eine österreichische Expedition. Am Südostgrat der Chogolisa fand Herman Buhl, Erstbesteiger von Nanga Parbat und Broad Peak, im Jahr 1957 den Tod. In die Chogolisa-Gruppe hinein zweigt vom Baltoro-Gletscher das Tal des Vigne-Gletschers nach Südwesten ab. Dies ist auch der Weg über den Ghondogoro La nach Südwesten in das Hushe-Tal und weiter an den Shyok/Indus.  

(9) Blick vom Lagerplatz Urdukas (4100 m) nach West-Nordwesten
mit den Gipfeln am Nordrand des Gletschers
(im Großformat ist die Beschriftung gut lesbar)
Mehr Einzelheiten zur Aussicht von Urdukas finden Sie hier
Foto: Gilles Privat, flickr.com;
Beschriftung: Günter Seyfferth

Im Nordosten ist die Region durch das Shaksgam-Tal auf chinesischem Staatsgebiet begrenzt. Dieses Tal ist auch der Zugang zur Nordseite des K2 und zu den Ostflanken von Broad Peak und Gasherbrum I und II. Man nähert sich dem Gebiet von der Stadt Kashgar im Norden und überschreitet vom Yarkand-River her den Aghil-Pass (siehe Übersicht des Karakorum). Der Shaksgam wird im Südosten von mehreren Gletschern des Karakorum genährt. Zur Zeit der Schneeschmelze ist er ein reißender Strom, der das Tal zeitweise unpassierbar macht. Das Tal weist wenig Vegetation auf, d.h. auch hier ist Braun die vorherrschende Farbe. Die Gletscher am Oberlauf des Flusses sperren das Tal teilweise ab. Hinter diesen Barrieren bilden sich Seen, die im Falle eines Ausbruchs den Unterlauf gefährden. Eine Erkundung des Oberlaufes ist ein schwieriges Unterfangen, das sehr erfahrenen Personen vorbehalten bleibt. Für den Trekker kommen Erkundungen am mittleren Flusslauf in Frage. Hier bewegt man sich in Höhen von 4000 bis 4500 m. Am Nord-Gasherbrum- Gletscher oder am Urdok-Gletscher gibt es Aussichtspunkte mit Blick in die wild vergletscherten Ostflanken von Broad Peak, Gasherbrum II und Gasherbrum I. Vom unteren Bereich des K2-Gletschers eröffnet sich der Blick in die unglaublich hohe und steile Nordwand des K2. Aber auch diese Unternehmungen sind anspruchsvoll und erfordern eine gute Ausrüstung. Man denke immer daran: das Gebiet ist unbewohnt! Die Gletscher können nur an wenigen Stellen direkt begangen werden, weil ihre Oberflächen gespickt sind von bis zu 40 m hohen Eispyramiden, zwischen denen sich zahlreiche Gletscherseen befinden. Diese Erscheinung ist typisch für die nördlich ausgerichteten Gletscher mit intensiver Sonneneinstrahlung. Es ist ein imposantes Bild. Man ist also auf Seiten- oder Mittelmoränen angewiesen, um in den Gletschertälern zumindest ein Stück weit voranzukommen.

Baltoro – die Geschichte seiner Erkundung

Ein alter, allerdings nicht oft begangener Handelsweg führte von Askole über den unteren Baltoro-Gletscher und den Sarpo Laggo-Gletscher in Richtung Sinkiang. Zunächst wurden für den Übergang der Muztagh-Gletscher und der East-Muztagh-Pass benutzt. Später, als dieser durch den Rückgang des Eises am Pass nicht mehr benutzbar war, fand man einen Weg über den Trango-Gletscher und den Sarpo-Laggo-Pass zum gleichnamigen Gletscher. Davon musste Adolf Schlaginweit gehört haben. Als erster Europäer erreichte er im August 1856 von Askole aus den East-Muztagh-Pass und bestimmte die Höhe des südlich gegenüber stehenden Masherbrum.

Fünf Jahre später, im August 1861, führte Colonel Godwin Austen die erste eigentliche Baltoro-Expedition durch. Er kam vom Panmah-Gletscher im Norden und ging über Bardamual und Payu und den Baltoro-Gletscher hinauf bis etwa auf Höhe des Yermanend-Gletschers. Er fertigte des erste Skizze des unteren Baltoro an. Den später nach ihm benannten Godwin-Austen-Gletscher am K2 hat er allerdings nie gesehen.

Im Jahr 1887 durchquerte Sir Francis Younghusband mit einer Karawane von Sinkiang kommend das östlich gelegene Shaksgam-Gebiet, ging dann den Sarpo-Laggo-Gletscher hinauf und stieg über den East-Muztagh-Pass zum Baltoro hinunter. Er folgte also dem alten Handelsweg. Insofern brachte diese Durchquerung keine neuen Erkenntnisse.

(11) Der Muztagh Tower (7284 m) vom Lagerplatz Gore II auf 4425 m Höhe.
Rechts hinten der ca. 6300 m hohe Moni Peak.
Foto: digi.rebay, www.flickr.com

Die große Expedition von William Martin Conway im Jahr 1892 brachte dann viel Licht ins Dunkel. Conway war mit Major C.G. Bruce (später General Bruce und dann bekannt durch die erste Expedition zum Mount Everest im Jahr 1921), dem Schweizer Bergführer Matthias Zurbriggen und dem Maler Mac Cormick unterwegs. Erstmals wurden auch bergsteigerische Ziele verfolgt. Die Forscher gingen zunächst am Westrand des Karakorum hinauf nach Gilgit und ins Hunza-Tal. Von dort erkundeten sie den Hispar-Gletscher mit seinen 7000ern, überquerten den Hispar La zum Snow Lake und gingen von dort den Biafo-Gletscher hinunter nach Askole. Nach einer Ruhepause brachen sie mit 80 Trägern zur Erkundung des Baltoro auf.  

Die erste bergsteigerische Tat war die Besteigung des Cristal Peak (5913 m) in der Nähe von Concordia. Sie waren die ersten Europäer, wahrscheinlich sogar die ersten Menschen, die so weit vorgedrungen waren. Bruce ging dann mit Zurbriggen nach Südösten in Richtung Baltoro Kangri, während Conway und Mac Cormick zunächst noch den Pass zwischen New Cristal Peak und Marble Peak erstiegen. Schlechtes Wetter hielt dann alle ein paar Tage an der Einmündung des Vigne-Gletschers fest, bevor das Lager an den Fuß des Baltoro Kangri verlegt werden konnte. Conway und seine Kameraden waren somit auch die ersten, die den Hidden Peak in voller Größe sahen. Man wollte den Baltoro Kangri  (7300 m) besteigen, musste sich aber schließlich nach drei weiteren Lagern im Aufstieg mit der Erstbesteigung des 6550 m hohen, westlich vorgelagerten Pioneer Peak begnügen. Trotz seiner Erschöpfung fotografierte Conway das Panorama, machte Vermessungsarbeiten, las Barometer und Thermometer ab und machte Pulsmessungen. Mit der Besteigung des Pioneer Peak war immerhin ein neuer Höhenweltrekord aufgestellt, der erst 5 Jahre später überboten werden sollte. Auf dem Rückweg wurde noch die Umgebung des Yermanend-Gletschers am Masherbrum erforscht. Die größte Leistung dieser Expedition ist die Erforschung der Topografie des oberen Baltoro. Die von Conway erstellte Karte war lange Grundlage für nachfolgende Forscher.

(13) Der alles beherrschende K2 (8611 m), der zweithöchste Berg der Erde,
wie man ihn vom Concordia-Platz über dem Godwin-Austen-Gletscher sieht.
Foto: GlobeTraveler, www.flickr.com; Beschriftung: Günter Seyfferth

1902 kam eine Expedition unter Leitung des Engländers Oscar Eckenstein (den Bergsteigern bekannt als Entwicklungspionier für Pickel und Steigeisen). Man errichtete ein unteres Basislager am Rastplatz Urdukas. Das Ziel war der K2 (8611 m). Am Fuß des Berges angekommen, wollte man es zunächst am Südostgrat versuchen, dem Weg der späteren Erstbesteiger. Diese Route erschien aber doch zu schwierig, und so ging man den Godwin-Austen-Gletscher weiter hinauf an den Fuß des Nordostgrates (über diesen Grat erfolgte 1978 die dritte Besteigung des K2). Man erreichte zwar eine Höhe von etwa 6600 m, musste aber erkennen, dass auch diese Route viel zu schwierig für die Träger war. Schließlich versuchte man sich am nahe gelegenen Skyang Kangri (7530 m), kam dort aber nicht mehr richtig zum Zuge, weil schlechtes Wetter und Krankheiten den Abbruch der Expedition erzwangen. Immerhin war nun auch der obere Godwin-Austen-Gletscher erkundet, den Conway auf seiner Route nicht einsehen konnte.

(15) Blick von Concordia nach Südosten mit Baltoro Kangri (7300 m) und Khumul Gri (6851 m). Der Khumul Gri verdeckt die Chogolisa (7668 m). Die Chogolisa und der Baltoro Kangri zählen zur Südkette des Lesser Karakorum. Vor dem Khumul Gri mündet von rechts der Vigne-Gletscher ein, über den die Route zum Ghondogoro La führt.
Foto: GlobeTraveler, www.flickr.com; Beschriftung: Günter Seyfferth

1909 kam die große Expedition des Herzogs der Abruzzen, Seine königliche Hoheit Luigi Amadeo die Savoia. Teilnehmer war u.a. der Fotograf Vittoria Sella, der mit seinen für damalige Zeit spektakulären Fotografien im Baltoro und am Kangchenjunga berühmt wurde. Man schlug das Basislager am Fuß des K2 auf und erkundete den Südöstgrat (den späteren Weg der Erstbesteiger). Dieser Grat erwies sich aber als viel zu schwierig für die Balti-Träger. So wandte man sich der Westflanke zu und erreichte über den Savoia-Gletscher den schwer zugänglichen Savoia-Sattel auf 6260 m Höhe, von wo man erstmals einen Einblick in die Nordflanke des Berges gewann. Da ein Abstieg nach Norden nicht in Frage kam, wandte man sich dem oberen Godwin-Austen-Gletscher zu. Ein Versuch am Skyang Kangri scheitere frühzeitig an einer großen Querspalte im Südostgrat. Der Fotograf Sella überschritt den später nach ihm benannten Pass auf 6350 m Höhe. Über die bergsteigerischen Misserfolge trösteten die Fotografien von Sella hinweg.

(17) Die Chogolisa (7668 m) vom Abruzzi-Gletscher.
Man sieht hier nur den Ostgipfel (7654 m). 
Am linken Grat verunglückte Hermann Buhl im Jahr 1957.
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Man wandte sich nun der Chogolisa (7668 m) im Süden zu. Vom Lager am Fuß des Baltoro Kangri kämpfte man sich hinauf zum 6200 m hohen Kaberi-Sattel. Nach Unterbrechungen durch schlechtes Wetter konnte schließlich ein höchstes Lager auf etwa 6850 m Höhe errichtet werden. Über den gefährlichen Südostgrat wurde eine neue Rekordhöhe von 7498 m erreicht, die erst 1922 am Mount Everest übertroffen werden sollte. Für den Gipfel war es zu spät, und so entschloss man sich schweren Herzens zur Umkehr. Es hatte nicht viel zu einem neuen Gipfelrekord gefehlt, der damals mit 7120 m am Trishul I bestand. Ein großer Erfolg war auch die Karte des Baltoro im Maßstab 1:100.000, die der Teilnehmer Negrotto erstellt hatte.e..

Der 1. Weltkrieg und die folgende schwierige Zeit sorgten für eine längere Unterbrechung in der Erkundung des Karakorum. Erst 1928 kam wieder eine große Expedition zum Baltoro – erneut eine Expedition der Italiener, dieses Mal unter der Leitung von Aimone die Savoia-Aosta, Herzog von Spoleto. Die ursprüngliche Absicht war ein Besteigungsversuch am K2, man ließ aber nach reiflicher Überlegung davon ab und konzentrierte sich auf die wissenschaftliche Erkundung des Baltoro und des nordöstlich gelegenen Shaksgam-Tales. Die Leitung für den Bereich der Geographie und Geologie hatte Ardito Desio, der spätere Leiter der erfolgreichen K2-Expedition von 1954..

(19) Gasherbrum II (8035 m) vom Basislager auf dem Gasherbrum-Gletscher auf 5900 m Höhe
 Am linken Bildrand der Gasherbrum III (7952 m),
rechts der Ostgipfel des Gasherbrum II (7772 m).
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Nach einer Erkundung des Panmah-Gletschers verlagerte die Expedition ihre Arbeit an den Godwin-Austen-Gletscher und an den oberen Baltoro-Gletscher. U.a. wurde der Pass zwischen dem Sia Kangri und dem Baltoro Kangri erstiegen, der nach dem Namen des 1892 so erfolgreichen Forschers Conway-Sattel genannt wurde. Während anschließend der Großteil des Expedition in das Gebiet nördlich und nordöstlich des Hauptkammes aufbrach, sich also außerhalb des Baltoro bewegte, führte der Herzog weitere fotogrammetrische Arbeiten (Geländevermessung mittels fotographischer Aufnahmen) im Bereich von Concordia bis zum Conway-Sattel durch. Auf der Rückkehr aus dem nordöstlichen Karakorum über den Sarpo-Laggo-Gletscher fand Desio den Sarpo-Laggo-Pass als günstigsten Übergang zum unteren Baltoro-Gletscher. Diesen Übergang nutzten dann Shipton und Tillmann im Jahr 1937. Es folgte eine ausführliche Erkundung des Panmah-Gletschers mit seinen beiden Quellgletschern Nobande Sobande und Choktoi.

1934 kam die große "Internationale Himalaya-Expedition" unter der Leitung von G.O. Dyhrenfurth zum oberen Baltoro-Gletscher. Man hatte zunächst das Ziel, den Gasherbrum I (Hidden Peak) zu besteigen. Auf der Suche nach einer möglichen Aufstiegsroute wurde der Gasherbrum-Gletscher mit den Gipfeln der Gasherbrum-Gruppe erkundet. Da man von dieser Seite keine Möglichkeit zur Besteigung des G I sah, ging man zu den beiden nach Süden bzw. Süd-Süd-Osten verlaufenden Spornen des G I. Am Süd-Süd-Ost-Sporn erreicht man schließlich eine Höhe von etwa 6200 m, musste aber erkennen, dass es nicht möglich war, die Balti-Träger über diesen steilen Schneegrat zu führen (Über diesen Grat verlief die Route der Erstbesteiger im Jahr 1958). Daraufhin verlegte man die bergsteigerische Arbeit an die beiden südlich angrenzenden Gipfel Sia Kangri (der damals übrigens noch Queen-Mary-Peak hieß) und Baltoro Kangri (damals noch Golden Throne genannt) mit dem dazwischen liegenden Conway-Sattel. Es wurden alle vier Gipfel des Sia Kangri (höchster Punkt 7422 m) bestiegen, wobei Frau Hettie Dyhrenfurth mit der Besteigung des Sia Kangri West (7315 m) einen Höhenweltrekord für Frauen aufstellte. Am Baltoro-Kangri wurde der Südost-Gipfel ( IV, 7275 m) bestiegen.egen.

Dies war die im engeren Sinn letzte Expedition zum Baltoro, bei der "Neuland" dieses Gletschergebietes erkundet wurde. Die folgenden Expeditionen hatten ausschließlich die Besteigung eines bestimmten Gipfels zum Ziel.  

(2) Luftbild des Godwin Austen-Gletschers mit K2 (8611 m), Skyang Kangri (7530 m), Broad Peak Nord (7490 m), Broad Peak Mitte (8006 m) und Broad Peak (8051 m)
Foto: Bernhard, picasaweb.google.com

Baltoro – eine Routenbeschreibung von Skardu bis zum Concordia-Platz
(Die Bilder beider Spalten gehören zu dieser Routenbeschreibung)

In der Regel ist der Startpunkt zum Baltoro die kleine Stadt Skardu am Indus. Skardu kann von Islamabad entweder per Flugzeug erreicht werden – sofern das Wetter einen Flug zulässt – oder per Straße, zunächst über den Karakorum-Highway u.a. mit Blick auf den Nanga Parbat, dann südlich Gilgit nach Osten abzweigend und weiter entlang des Indus. Skardu ist Hauptort der Region Baltistan und die Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts. Hier gibt es noch eine Infrastrukur mit Lodges und Hotels, weiter in Richtung Baltoro muss man auf diese Art Luxus verzichten; da hilft nur das eigene Zelt. Skardu kann mit Sandstürmen überraschen. Die breite Talebene mit der Mündung des Shigar in den Indus weist viele Flächen mit sandigen Ablagerungen, ja sogar Sanddünen auf, die von den starken Winden im Industal aufgewirbelt werden.

Während man früher den Indus per Floß oder Holzkahn hinüber zum Shigar-Tal überqueren musste, was oft zu einem nervenbelastenden Abenteuer ausarten konnte, steht heute eine Hängebrücke zum bequemen Übergang zur Verfügung. "Gegangen" wird heute ohnehin nicht mehr. Statt dessen organisiert man in Skardu Jeeps für Menschen und Gepäck und vertraut im Übrigen darauf, dass Technik und Natur eine unbeschadete Fahrt bis nach Askole, der letzten Siedlung vor dem Baltoro, zulassen. Das ist nicht selbstverständlich, denn einerseits verlangt die holprige und gefährliche Piste den Fahrzeugen und den Mägen und Nerven der Insassen so einiges ab, und andererseits können Bergstürze und Muren (abgerutschte Geröll- und Schlammmassen) jederzeit für eine Unterbrechung sorgen. Da ist dann Geduld angesagt. Im schlimmsten Fall kann die Straße für Tage unterbrochen sein. Auch eine Hängebrücke über den Braldu kann so marode geworden sein, dass sie zumindest nicht mehr durch Fahrzeuge belastet werden kann. Wenn man Glück hat, gibt es dann jenseits noch ein paar Jeeps, die einen drüben zur Weiterfahrt abholen.

(3) Die "Straße" entlang des Süd-Braldu nach Askole

Zunächst bewegt man sich im Shigar-Tal nach Nordwesten, also vom eigentlichen Ziel weg. Es bleibt nichts anderes übrig, denn man muss dem südlichen Hauptkamm des Karakorum, dem Lesser Karakorum, folgen, bis man nach etwa 70 km den Durchbruch des Süd-Braldu durch diese Gebirgskette erreicht hat. An dieser Stelle mündet von Norden der Basha-River, der vom Chogolungma-Gletscher kommt, in den Shigar ein; man wendet sich aber um 135 Grad nach Osten und folgt dem Süd-Braldu, wie der Fluss ab hier heißt. Der Süd-Braldu entwässert den gesamten zentralen Karakorum. Er nimmt die Wasser der großen Gletscher Biafo, Panmah (die Vereinigung von Choktoi- und Nobande Sobande-Gletscher) und Baltoro auf. Im Bereich dieses Gebirgsdurchbruchs ist die Piste besonders gefährlich, weil sie in steile instabile Hänge gebaut wurde. Immerhin weiß man anschließend das schlimmste Landsträßchen zuhause wieder zu schätzen. Erst, wenn nach etwa 40 km Askole in Sicht kommt, kann man aufatmen.

Vom Dorf Askole auf 3000 m Höhe geht es grundsätzlich nur noch auf den eigenen Beinen weiter. Alles, was Teilnehmer und Träger für die nächsten Wochen brauchen, muss getragen werden. Sollte ein Trekker meinen, er könne seine gesamte Ausrüstung einschl. Zelt sowie Verpflegung und Brennstoff für den Kocher selbst schleppen, so bleibt er am besten gleich in Askole sitzen. Es ist vollkommen unmöglich, mit einer Last von 40 kg oder mehr den Weg bis zum Concordia-Platz auf 4700 m Höhe zu begehen. Man ist noch nicht an die Höhe angepasst, der Weg über den weitgehend mit Schutt bedeckten Baltoro-Gletscher ist äußerst anstrengend, man muss über Gletscherbäche springen, man hat evtl. mit Magen- und Darmproblemen zu kämpfen. Ein solcher Versuch endet in der Regel damit, dass man als heulendes und hilfsbedürftiges Elend am Wegesrand zurückbleibt und anderen zur Last fällt.

Bleiben wir noch in Askole, um einen lange verbreiteten Irrtum hinsichtlich eines von dort sichtbaren Gipfels aufzuklären. Blickt man von Askole nach Osten, so fällt ein am Südrand des Tales stehender pyramidenförmiger Gipfel auf (siehe nebenstehendes Foto). Dieser Gipfel wurde von Conway 1892 als Mango Gusor bezeichnet, eine Definition, die auch G.O. Dyhrenfurth im Bericht zu seiner Expedition im Jahr 1934 übernahm. Hier irren aber die Forscher. Der wahre Mango Gusor, mit 6288 m Höhe der höchste Gipfel der Region südlich des Braldu, liegt mehr als 10 km südlich des Flusses. Er ist vom Talboden in Askole nicht zu sehen, weil er durch eine davor liegende Bergkette verdeckt wird. Der von Askole sichtbare prägnante Gipfel liegt unmittelbar am Talrand, also deutlich weniger als 10 km vom Fluss entfernt. Es ist der 5809 m hohe Bakhor Das, der in Tallängsrichtung gesehen auf Höhe der Einmündung des Biafo-Gletschers steht. Vom Bakhor Das führt ein (nicht mehr sichtbarer) Grat zum Mango Gusor. Der Bakhor Das ist auch vom Jhula-Camp am Dumord-River gut zu sehen, weist von dort aber die vollkommen andere Silhouette eines bizarren schmalen Turmes auf. Links davon sieht man dann auch den Mango Gusor.

Der Weg ab Askole ist zunächst unproblematisch und unspektakulär. Aber schon nach etwa einer Stunde wird man bei Querung eines Felssporns vom Blick auf die Zinnen und Gletscher der Payu-Gruppe im Osten überrascht.  

(5) Einmündung des Biafo in den Süd-Braldu mit den Gipfeln der Payu-Gruppe im Hintergrund
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Diese Querung war früher problematisch, wurde aber dann mit zunehmendem "Verkehr" für die Fremden entschärft. Zu Füßen verläuft ein wilder Nebenfluss des Braldu, der Biafo, der dem noch 3 km entfernten Tor des Biafo-Gletschers entspringt. Eine Hängebrücke führt über diesen Fluss, der bei Hochwasser wirklich furchterregend sein kann und die Wanderer auf der Brücke unwillkürlich die Schritte beschleunigen lässt. In den Zeiten der Erkundung des Baltoro bis zu den Expeditionen in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es die Hängebrücke noch nicht. Man musste am Ufer des Biafo hinauf zum Gletscher, den Biafo-Gletscher ersteigen und jenseits über die Stirnmoräne wieder hinunter. Auf dem heutigen Weg sieht man vom Biafo-Gletscher selbst außer seiner riesigen Stirnmoräne nichts; man wandert auf etwa 3 km Länge(!) an dieser Moräne entlang und gelangt zum Lagerplatz Korophon. An Höhe hat man bis dahin so gut wie nichts gewonnen. Man sollte sich wenn möglich die Zeit nehmen, die Stirnmoräne des Biafo-Gletschers zu ersteigen. Oben öffnet sich der Blick über die gesamte Länge dieses riesigen Gletschers bis hinauf zum Snow Lake. Der Biafo-Gletscher ist noch größer als der Baltoro-Gletscher, etwa 66 km lang und bis zu 3,5 km breit!

In ca. 13 km (Luftlinie) Entfernung von Askole mündet von Norden das Dumord-Tal. Braldu und Dumord (oder auch Dumordo), der die Wasser des weiter nördlich gelegenen großen Gletschergebietes von Choktoi- und Nobande-Sobande-Gletscher sammelt, mäandern hier zwischen breiten Kies- und Sandbänken. Ein nahezu senkrechter hoher Felssporn, an dessen Fuß die Wasser des Dumord fließen, versperrt den Weiterweg. Dieser Punkt war in Vergangenheit ein ernstes Hindernis, insbesondere für die schwer beladenen Träger. Wenn es der Wasserstand des Dumord erlaubte, wurde der Fluss gequert. Dies bedingte aber selbst bei Niedrigwasser, dass sich mehrere Personen gegenseitig stützten, um nicht von dem schnell fließendem Wasser mitgerissen zu werden; andere spannten ein Seil zur Sicherung der Träger. Ein eiskaltes Vergnügen von knapp über 0 Grad Celsius war es allemal. Eine Hängebrücke kam und kommt an dieser Stelle wegen der großen Talbreite nicht in Frage. Bei höherem Wasserstand war man gezwungen, hoch hinauf in die äußerst steilen Felsen zu queren und dort den Weg ins Dumord-Tal zu suchen zu einer 3 km weiter nördlich gelegenen Brücke (siehe nebenstehendes Foto), wo der Dumord deutlich schmaler ist – ein äußerst gefährlicher Weg, der so manches Todesopfer forderte .

Die Expeditionen der Erkunder des Baltoro und auch die folgenden Besteigungsexpeditionen zum K2 und Hidden Peak fanden weiter oben am Dumord eine Hängebrücke aus Weidengeflecht vor. Warum aber gab es zu dieser Zeit dort überhaupt eine Brücke? Keiner der Einheimischen wäre auf die Idee gekommen, den Baltoro zu erforschen oder gar einen dortigen Berg zu besteigen. Die Brücke existierte, weil es einen Handelsweg von Askole nach Sinkiang gab. Dieser Weg führte bis zum unteren Baltoro-Gletscher, von dort über den Muztagh-Gletscher zum East-Muztagh-Pass und über den Sarpo Laggo-Gletscher weiter nach Nordosten. Später, als der East-Muztagh-Pass durch den Eisrückgang zu gefährlich wurde, ging man über den weiter westlich gelegenen Trango-Gletscher und den Sarpo-Laggo-Pass. So gingen auch die Briten Shipton und Tilmann bei ihrer Erforschung des nordöstlichen Karakorum im Jahr 1937. Die Hängebrücke brach dann im Jahr 1978 zusammen. Eine britische Expedition war daraufhin auf dem Rückweg gezwungen, einen Umweg bis hinauf zur Zunge des Panmah-Gletschers zu nehmen, um dort den Fluss zu überqueren, was sie 2 Tage kostete. Die amerikanische Expedition zum K2 im Jahr 1978 spannte ein Seil über den Fluss und hängte daran eine Konstruktion in Form eines umgekehrten T, an der zumindest die Lasten befestigt und über den Fluss gezogen werden konnten. Auch die Amerikaner selbst vertrauten sich dieser "Seilbahn" an, schließlich dann auch alle Träger. Es war späte Nacht, bis alle am anderen Ufer waren.

Irgendwann nahm sich dann die lokale Behörde dieses Beispiel zum Vorbild und installierte eine "Seilbahn" aus einem dicken Drahtseil, an der eine einfache Holzkiste als "Kabine" hing. Man setzte sich hinein, ein anderer oder man selbst zog an dem zusätzlichen Zugseil. Neuerdings wird der Dumord bei Jhula auf einer neuen Hängebrücke gequert, die alte "Seilbahn" hat ihren Dienst getan. Auch heute wird meist der lange Weg über Jhula trotz zusätzlicher 5 bis 6 km genommen, weil der Wasserstand des Dumord in der Regel keine Wahl lässt. Außerdem wurde bei der Brücke inzwischen der Lagerplatz Jhula eingerichtet, der über Toiletten und Waschplätze verfügt, so dass er ein gern gewähltes Ziel der 1. Tagesetappe ab Askole geworden ist. Die sehr gefährliche hohe Querung durch die Felsen vor dem Dumord-Tal muss heute auch nicht mehr begangen werden. Man hat am Fuß des Felssporns knapp über der Wasserlinie einen Weg in die Felswände gesprengt, so dass man nun ohne Mühe und ohne größere Gefahren vom Braldu- in das Dumord-Tal kommt. 

Die zweite Tagesetappe führt entweder nur bis zum Lagerplatz Bardumal auf etwa 3250 m Höhe (vor der Einmündung des Tals des Ching Kang Lungma) oder weiter am Biaho-Lungma entlang zum Lagerplatz Mundrong. Die nächste Etappe bringt den Trekker dann nach Payu auf etwa 3650 m Höhe. Der Vorsichtige plant von Askole nach Payu drei Tage ein. Auch der Lagerplatz in Payu ist mit Toiletten und Waschplätzen ausgestattet.  Zunächst ist der Weg nach Payu relativ unspektakulär, aber streckenweise mühsam. Man stolpert durch die steilen Moränenreste am Nordufer des Flusses, manchmal direkt an der Wasserlinie, gelegentlich auch Seitenbäche querend. Doch dann, bei Querung des Schuttkegels des Payu-Baches 2 bis 3 km vor Payu, treten plötzlich die Kathedralen am unteren Baltoro-Gletscher ins Blickfeld. Es sind faszinierende Felstürme aus Granit, teilweise mit senkrechten Wänden, vermeintlich unbesteigbar – und doch schon bestiegen. 

(7) Es sind noch etwa 1,5 km bis zum Lagerplatz Payu (3650 m), wenn man erstmals
den Baltoro-Gletscher erblickt. Darüber stehen die Kathedralen,
die sich - noch 17 bis 22 km entfernt - gegenüber dem Lagerplatz Urdukas befinden.
Über der niedrigsten Spitze links der Bildmitte erahnt man den Gipfel des K2 (8611 m).
Den K2 sieht man etwas besser bereits 1 km vor diesem Punkt.
Rechts erkennt man Urdukas-Peak und Liligo Peak.
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Diese Türme begleiten den Wanderer bis hinauf zum Lagerplatz Urdukas, wobei sich die Formen mit verändertem Blickwinkel stetig wandeln, zu den unterschiedlichen Tageszeiten mit wechselnden Farben. Es sind u.a. diese Granitwände und spektakulären Zinnen, welche das Gebiet des Baltoro so berühmt gemacht haben. Zunächst wirken sie noch nicht so imposant wie später, ist man doch immer noch 17 bis 22 km entfernt. Bei wolkenlosem Himmel sollte man hier etwas länger verweilen und sorgfältig beobachten. Denn dann wird man die Spitze des K2, mit 8611 m der zweithöchst Berg der Erde, entdecken – direkt über den niedrigsten der spitzen Türme.

Es bietet sich an, in Payu einen Rasttag zur Verbesserung der Akklimatisation einzulegen, vor allem, wenn man von Askole bis hierher in nur 2 Tagen gegangen sein sollte. An diesem Tag muss man nicht faul auf der Haut liegen. Im Gegenteil: Es dient der Akklimatisation, wenn man zu einem Aussichtspunkt am Nordhang des Tales aufsteigt, um jetzt schon mal einen noch besseren Blick auf die phantastische Bergwelt des Baltoro zu haben. Zu Füßen liegt die Zunge des Baltoro-Gletschers, dessen Stirnmoräne am Folgetag zu erklettern und zu überqueren sein wird. Darüber, über den Kathedralen, steht dann wieder der K2 - jetzt noch besser zu sehen – und auch der Broad Peak (8051 m). Im Südosten beherrschen die Spitzen der Urdukas-Peaks und der Liligo-Peaks das Bild. Im Süden tauchen eisbedeckte Gipfel auf, die vom Talgrund gar nicht zu sehen sind. Der Payu-Peak (6640 m), den man von Payu aus leider nur stark verkürzt sieht, fällt zwar auch von hier aus mit seinen rotbraunen Felstürmen auf, er zeigt aber seine eigentliche, so phantastische Gestalt erst später vom Baltoro-Gletscher.

Spätestens auf den Etappen der folgenden Tage führt die gewaltige Kulisse des Baltoro dem Wanderer vor Augen, wie winzig er ist und wie ohnmächtig gegenüber den Launen der Natur. Wer mit seinem Blick aus unseren Alpen losmarschiert und meint, er sei in einer halben Stunde an diesem und in zwei Stunden an jenem Punkt, wird bald eines Schlechteren belehrt sein; es dauert alles viel länger als gedacht. Schon in Payu glaubt man, die Stirn des Baltoro-Gletschers direkt vor sich zu haben, und braucht doch noch eine Stunde, um bis zum Gletschertor zu gelangen. Dieses Tor unterliegt einem ständigen Wandel im Verlauf der Bewegungen des Eises. In der Regel lehrt es dem Betrachter große Demut durch die Mächtigkeit und Düsternis des grauen Eises und durch den daraus hervorbrechenden Fluss mit seinem grauen Wasser. Wie klein man ist, merkt man dann auch bei der Ersteigung der Stirnmoräne, ein wilder Geröllhaufen, der einen zunächst etwa 100 m höher bringt. Es sind die ersten steilen 100 m der Tour – und so mancher wundert sich, dass er wie eine Lokomotive schnaufen muss; das bessert sich erst im Laufe der nächsten Tage. Man sollte sich schnell auf dieses neue Gefühl der Langsamkeit einstellen, denn das folgende Auf und Ab in den Bergen von Geröll auf der Gletscheroberfläche lässt auch kein schnelleres Vorwärtskommen zu. Die stärker ins Blickfeld rückenden Trango-Türme verführen dazu, den Blick von den Füßen nach oben zu heben, was man aber schnell nur noch im Stehen wagt, weil man andernfalls eine schmerzhafte Bauchlandung in dem Geröll riskiert. Zwei sehr lange Kilometer sind es, bis endlich der südliche Rand des Gletschers erreicht ist – dabei glaubte man anfangs, gleich drüben zu sein. Der begrenzende Hang erlaubt es endlich, diesem unglaublichen Haufen von Geröll zu entkommen. Ein etwas bequemeres Auf und Ab entlang des Berghangs gibt nun auch die Möglichkeit zum Schauen.

Die im Norden stehenden Berge sind eine Szenerie, von der man kaum den Blick abwenden kann. Die sich übereinander türmenden Pfeiler aus Fels und Eis des Payu Peak (6640 m,), der Obelisk des Uli Biaho Tower (6109 m), der Turm des Nameless Tower (6239 m), die rötlichen Granitwände des Great Trango Tower (6286 m), die davor stehende Kleine Kathedrale (5439 m), die Thunmo Kathedrale (5866 m), deren spitze Formen im Blick von Payu sich langsam in plumpere Formen wandeln, und schließlich die unglaubliche Spitze des Lobsang Spire (5707 m). Eine geradezu unwirklich anmutende Ansammlung spektakulärer Formen von Bergen. Auch erst allmählich begreift man, dass die Spitzen dieser Türme den Betrachter um 2000 m und mehr überragen. Übrigens spielt der Nameless Tower (ein Berg, der lt. Name namenlos sein soll und nun doch einen Namen hat) ein Spiel mit dem Wanderer: Zunächst ist er links des Great Trango Tower sichtbar (siehe Bild links oben), um sich dann aber mit der Fortbewegung nach Osten dahinter zu verstecken. Am Lagerplatz Urdukas taucht er dann wieder auf, jetzt aber rechts des Great Trango Tower (siehe nebenstehendes Foto), mit ebenso imposanter Form.

Wer es nicht extrem eilig hat, wird am ersten von Süden einmündenden Gletschertal kampieren. Dieser Lagerplatz heißt Liligo, benannt nach dem Seitental (man liest auch vom Camp Khuborse). Manchmal existiert in der Nähe ein See, oft aber auch nicht. Dies ist eine der Launen der Gletscherwelt, die mit den Bewegungen des Eises zusammenhängt. Vor lauter Bewunderung der Berge im Norden sollte man nicht vergessen, den Blick auch mal in das Seitental nach Süden zu wenden. Dort ist einer der Liligo Peaks zu sehen. Auch das gut 2 km östlich folgende Seitental nach Süden eröffnet einen phantastischen Blick, nämlich auf den Urdukas-Gletscher mit dem Urdukas I (6280 m) und einige auffällige Felsspitzen am westlichen Rand des Seitengletschers. Auf dem Weiterweg zum Lagerplatz Urdukas – wieder am Berghang direkt neben dem Gletscherrand – kommen auch die ferneren Berge des Baltoro in den Blick: Muztagh Tower (7284 m), Broad Peak (8051 m) und zeitweise der Gasherbrum IV (7925 m).

Nahezu jede Gruppe kampiert in Urdukas auf ca. 4150 m Höhe. Der Platz ist besonders beliebt wegen seiner phantastischen Aussicht und wegen der letzten grünen Hänge und Blumen, die man hier antrifft. Urdukas bedeutet "gespaltener Stein". Ein riesiger Felsklotz, der sich beim Aufprall gespalten hat, hat zu diesem Namen geführt. Auch hier gibt es inzwischen eine bescheidene Infrastruktur zum Zweck der Körperhygiene. In Urdukas ist man kaum allein. Da der Baltoro-Gletscher von zahlreichen Expeditionen und Trekking-Gruppen besucht wird und alle hier Station machen, können durchaus mal mehrere Hundert Personen versammelt sein. Die Kulisse der Berge hat sich gegenüber derjenigen von Liligo zwar gewandelt, die dortige Beschreibung gilt aber auch hier. Der Uli Biaho Tower (6109 m) präsentiert sich noch eindrucksvoller, Great Trango Tower und Nameless Tower haben wie erwähnt die Stellen gewechselt. Neu sind die Blicke in die von Norden einmündenden Täler des Dunge- und des Biale-Gletschers. Beeindruckend sind Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, weil man die Bergspitzen dann in ganz unterschiedliches Licht getaucht erleben kann.

(10) Der Masherbrum (7821 m) vom Baltoro-Gletscher.
Die hier sichtbare Nordwand ist nur in ihrem unteren Bereich durchstiegen worden.
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Urdukas: Noch hat man nicht ganz die Hälfte des Weges zwischen Payu und dem Concordia-Platz hinter sich gebracht. Aber man spürt, dass man hier endgültig in das Reich der ganz hohen Gipfel eintritt. Man sieht sie zwar immer noch nicht so richtig, aber jetzt kann man beim Gehen nicht mehr auf grasige Hangflächen ausweichen. Man ist gezwungen, den Gletscher zu betreten, plötzlich kommt man vom Geröll auf blankes Eis, tiefe Rinnen mit Gletscherbächen versperren den direkten Weiterweg, das Gehen wird heikler, an der Gletscheroberfläche tauchen die ersten Zinnen aus strahlend weißem Eis auf. Und dann steht rechts und vollkommen frei die erste riesige Berggestalt, die fast nur aus der Senkrechten zu bestehen scheint: der Masherbrum (7821 m). 

Beeindruckende 3700 m überragt der Gipfel den Standort auf dem Gletscher, und doch ist er 10 km entfernt. Die Dimensionen sind auf Anhieb nicht zu erfassen. 1960 haben Amerikaner erstmals den Gipfel erreicht, von Süden. Aber diese Nordwand! Unbestiegen, Japaner wurden bei ihrem Versuch im Jahr 1985 durch die schwierigen Verhältnisse gezwungen, nach rechts auf den Nordwestgrat auszuweichen. Und jetzt ist auch der Broad Peak (8051 m) oberhalb einer näheren Bergkette zu erkennen, und der Gasherbrum IV (7925 m), frei, geradeaus im Osten. Hinter seinem rechten Grat lugt der Gasherbrum II (8035 m ) hervor, weiter rechts stehen Gasherbrum V (7120 m) und Mitre Peak (6025 m). später dann auch noch der Gasherbrum VI (7004) und der dahinter kaum zu entdeckende Gasherbrum I (8068 m) oder Hidden Peak.

In stetigem Auf und Ab, mal über Geröll, mal über Eis geht es weiter ostwärts zum Lagerplatz Gore II auf 4425 m Höhe. Kurz vorher trat links der imposante Muztagh Tower (7284 m) ins Blickfeld (siehe nebenstehendes Foto), ebenfalls eine unglaubliche kühne Berggestalt, aber doch bereits 1956 von einer britischen Expedition bestiegen. Im Süden wird der Lagerplatz vom vielgipfeligen Biarchedi (6810 m) beherrscht. Immer noch im Blick steht im Südwesten der Masherbrum, von hier aus noch etwas unnahbarer wirkend. Es kann sein, dass in Gore II pakistanisches Militär lagert. Die Soldaten sind um ihren Job nicht zu beneiden, müssen sie doch zur Front auf dem Conway-Sattel auf 6000 m Höhe, und das bei Wind und Wetter. Eine absurde Auseinandersetzung zwischen Pakistan und Indien um ein Stück absolut unbewohntes Land, den südöstlichen Karakorum als Teil der Region Kashmir.

(12) Die Westwand des Gasherbrum IV (7925 m) über dem Concordia-Platz.
Rechts die Vorgipfel des Gasherbrum V (7133 m)
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Auf weniger Geröll und mehr Eis wird schließlich Concordia erreicht. Hier vereinigt sich der vom K2 kommende Godwin Austen-Gletscher mit dem von Südosten kommenden Baltoro-Gletscher. Den Namen "Concordia" wählte William Martin Conway auf seiner Expedition im Jahr 1892. Der riesige Platz erinnerte ihn an den Place de la Concorde in Paris, wo mehrere Straßen aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen. Concordia liegt auf 4700 m Höhe, der Baltoro-Gletscher ist hier etwa 2,5 km breit, der Godwin Austen-Gletscher 1,5 km. Von Osten münden außerdem die zwei kleineren Gletscher Broad-Gletscher und West-Gasherbrum-Gletscher. Wer zum K2 gehen will, wählt seinen Lagerplatz im nördlichen Bereich in der Nähe des Marble Peak, wer zu den Gasherbrum-Gipfeln will eher in der Nähe des auffallend geformten Mitre Peak (Mitra = Bischofsmütze) am Südrand.

Selbst demjenigen, der mit Superlativen eher zurückhaltend umgeht, wird hier nichts anderes übrig bleiben als zuzugeben, dass dieser Platz wohl "eines der gewaltigsten Hochgebirgs-Amphitheater der Welt" ist, wie sich G.O. Dyhrenfurth ausdrückte. Nach Norden steht in voller Pracht und unverdeckt der K2 (siehe nebenstehendes Foto). Mit seinen 8611 m Höhe überragt er den Betrachter um 3900 m, obwohl dieser ja bereits auf einer Höhe von 4700 m steht. Es ist von der Form wahrhaftig der "perfekte" Berg, ebenmäßig, steil, schön und unvorstellbar hoch – und immer noch 15 km entfernt! Die Bergsteiger sprechen vom "Berg der Berge". Angeblich würde das Matterhorn 40 mal in diese Pyramide hineinpassen. Der K2 wird einmütig als der schwierigste aller Achttausender betrachtet. Die Erstbesteigung gelang einer italienischen Expedition im Jahr 1954. Fast 700 Träger schleppten zwischen 15 und 20 Tonnen Material und Verpflegung über den Baltoro-Gletscher – eine gewaltige Herausforderung hinsichtlich Organisation und Versorgung.

(14) Broad Peak (8051 m) vom Concordia-Platz
Foto: Luis Stitzinger & Alix von Melle;
Beschriftung: Günter Seyfferth

Im Nordosten – näher an Concordia als der K2 – steht der Broad Peak (8051 m). Er wurde erstmals im Jahr 1957 von einer österreichischen Kleinexpedition bestiegen, die nur aus 4 Bergsteigern bestand, darunter Hermann Buhl, der damit nach dem Nanga Parbat seine 2. Erstbesteigung eines 8000ers feiern konnte. Ein paar Wochen später verunglückte er tödlich bei einem Besteigungsversuch an der Chogolisa (7668 m). Direkt im Osten beherrscht der Gasherbrum IV (7925 m) die Szenerie, erstmals im Jahr 1958 von den Italienern Walter Bonatti und Carlo Mauri über den (von hier nicht sichtbaren) Nordostgrat bestiegen. Die dem Concordia-Platz zugewandte Westwand flößt Furcht ein, und dennoch wurde sie 1995 von dem Österreicher Robert Schauer und dem Polen Wojciech Kurtyka durchstiegen, eine der in Fachkreisen am höchsten bewerteten alpinen Leistungen im Himalaya. Weiter nach Südosten schließen sich die Zinnen von Gasherbrum V (7120 m) und der Gasherbrum VI (7004 m) an.

Direkt nach Südosten (siehe nebenstehendes Foto) gibt der breite Baltoro-Gletscher den Blick frei auf den Baltoro Kangri (7300 m) und den Kaberi-Sattel. Dort oben ist die Front zwischen Indern und Pakistani! Weiter rechts stehen die Gipfel des Khumul Gri (6851 m). Diese gezackte Gipfelkette wird von manchem für die Chogolisa gehalten, ein verständlicher Irrtum, weil dieser Berg genau in derselben Richtung liegt. Die Chogolisa verbirgt sich aber hinter dem Khumul Gri. Um die Chogolisa zu sehen, muss man entweder weiter weg, also nach Norden auf den Godwin Austen-Gletscher gehen oder mindestens 6 bis 7 km nach Südosten, den Baltoro-Gletscher weiter aufwärts. Direkte "Nachbarn" am Lagerplatz Concordia sind der schwarzfarbige Mitre Peak (6025 m) im Südwesten und der hellfarbige Marble Peak (6056 m) im Nordwesten.  

(16) Blick vom oberen Baltoro-Gletscher nach Nordwesten mit Mitre Peak (6030 + 6025 m), Muztagh Tower (7284 m), Praqpa Ri (7156 m) und Skil Brum (7430 m).
Die beiden letztgenannten Gipfel sind bereits "Trabanten" des K2 über dem Savoia-Gletscher. Vor dem Praqpa Ri erkennt man die hellen Felsen des Marble Peak (6256 m)
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

(18) Der Gasherbrum I (Hidden Peak, 8068 m) vom Basislager auf dem Abruzzi-Gletscher.
Am rechten Bildrand sieht man den 7069 m hohen Vorgipfel.
Im Vordergrund der Gasherbrum-Eisbruch, durch den die Routen
zum Gasherbrum I, II und III führen.
Foto: Dieter Porsche aus dessen Buch "Der versteckte Achttausender", www.alpin-extrem.de

Für den Rückweg nach Skardu gibt es eine Alternative zum Baltoro-Gletscher, nämlich die Überschreitung des des Ghondogoro La (5614 m) im Südwesten. Man geht zunächst den Baltoro-Gletscher weitere etwa 4 km nach Südosten, um dann nach rechts auf den Vigne-Gletscher abzubiegen. Nach weiteren etwa 8 km wird der Lagerplatz Ali Camp auf 5000 m Höhe erreicht. Am nächsten Tag erfolgt der steile Aufstieg zum Pass, der wegen hoher Lawinengefahr aber auf keinen Fall direkt nach Neuschneefällen gegangen werden sollte. Der Weiterweg führt den Ghondogoro-Gletscher hinunter ins Hushetal, wo dann bei Kaphulu der Shyok, ein Nebenfluss des Indus, erreicht wird. Von dort führt eine Straße zurück nach Skardu. 

(20) Blick vom Ali Camp (5000 m) am Vigne-Gletscher nach Westen.
Der Aufstieg zum Ghondogoro La (5615 m) führt durch das steile Schneecouloir
neben dem Hängegletscher links der Bildmitte. Nach Neuschneefällen besteht
hier große Lawinengefahr, so dass ein Aufstieg unmöglich wird.
Foto: Javed Rizwan, picasaweb.google.com

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