Beschreibung der Topografie
der Region und Hinweise zu Besteigungen:
Einleitend sei darauf hingewiesen, dass
der Name des dritthöchsten Achttausenders, nach dem die Region benannt
ist, in den unterschiedlichsten Schreibweisen vorkommt. Es ist ja
wirklich ein ungewöhnlicher Name, und wenn man sich nun vorstellt, dass
die Europäer diesen Namen aus dem Mund der einheimischen Bevölkerung
mal so oder mal so ausgesprochen aufgenommen haben, so wundern einen die
Unterschiede in den Schreibweisen nicht. Wenn man die ersten
Aufzeichnungen in der deutschsprachigen Literatur nimmt, so muss der
Name wie "Kangchendzönga" geklungen haben. Um sich nicht die
Zunge zu zerbrechen, wurde irgendwann salopp vom "Kantsch"
gesprochen. Der Name stammt wohl aus dem Tibetischen und bedeutet
"Fünf Schatzkammern des großen Schnees" (oder so ähnlich).
Ich verwende hier die gängigste Schreibweise des englischsprachigen
Raumes "Kangchenjunga". Sie mag nicht absolut korrekt sein,
aber was ganz korrekt wäre, weiß auch niemand.
Man möge mir nachsehen, wenn
ich hier auch den Gebirgskamm, auf dem die Grenze zwischen Nepal und
China bzw. zwischen Indien und China verläuft, großzügig unter dem
Titel "Kangchenjunga Himal" miterfasse. Der Grenzkamm trägt
eigenständige Namen: Auf der Grenze zwischen Nepal und China ist es der
Janak Himal und auf der Grenze zwischen Indien/Sikkim und China ist die
Chorten Nyima Range.
Der Grenzkamm folgt der Hauptrichtung des
Himalaya in Nepal, nämlich von Ost nach West. Von diesem Grenzkamm
zweigen drei Gebirgszüge nach Süden ab, von denen der östlichste der
Hauptkamm mit dem Kangchenjunga ist. Die zwei im Westen liegenden
Gebirgszüge mit Nord-Süd-Richtung, durch das Tal des Yangma
voneinander getrennt, sind im Vergleich niedrig und wenig bekannt. Die
Trennlinie zwischen diesem westlichen Gebirgsteil und dem viel
bekannteren Teil mit dem Kangchenjunga ist das Tal des Ghunsa Khola, der
seinen Ursprung im Kangchenjunga-Gletscher hat. Über den Hauptkamm mit
dem Kangchenjunga verläuft die Grenze zwischen Nepal und Indien
(Sikkim).

Die vier Achttausender des Kangchenjunga-Massivs von Südwesten von links nach rechts: Yalung Kang
(8505 m), Hauptgipfel (8586 m), Mittelgipfel (8482 m), Südgipfel (8476
m).
Die Nebengipfel werden nicht als eigenständige Achttausender gewertet,
ihre Existenz verdeutlich aber, welch ungeheure Masse der Kangchenjunga
darstellt.
Foto: Herman
Kristen, picasaweb.google.com
Das Gebirge des Kangchenjunga Himal wird
überdominant beherrscht von der gewaltigen Masse des Kangchenjunga
selbst. Nicht einmal Mount Everest oder K2 können da mithalten. Zudem
überragt der Berg mit seinen 8586 m Höhe im höchsten Punkt alle seine
Nachbarn um mehr als 1000 m - mit einer Ausnahme, dem Jannu. Aber auch
der wirkt mit seinen 7710 m Höhe wie ein unscheinbarer Zwerg neben dem
Giganten Kangchenjunga. Der Kangchenjunga ist ein mächtiger
Gebirgsstock mit 5 Gipfeln: Hauptgipfel (8586 m, Erstbesteigung 1955), Yalung Kang (8505
m, Erstbesteigung 1973),
Mittelgipfel (8482 m, Erstbesteigung 1978), Südgipfel (8476 m,
Erstbesteigung 1978) und Kangbachen (7903 m, Erstbesteigung 1974).
Würde man die Zwischenerhebungen auf einigen Graten noch hinzurechnen,
käme man gar auf 7 oder 8 Gipfel.
Das das Gebirge sehr nah am Golf von
Bengalen liegt, zählt es zu den niederschlagsreichsten Gebieten des
Himalaya. Der Sommermonsun trifft hier am frühesten ein. Am Massiv des
Kangchenjunga fallen unvorstellbar große Mengen an Schnee, die das
Bergsteigen auch außerhalb der Monsunzeit sehr erschweren. Die
Lawinengefahr ist immens. Der Kangchenjunga selbst reicht in die
Höhenregionen des Jet-Stream und ist für seine gewaltigen Höhenstürme
berüchtigt. Der Berg fängt einen großen Teil der von Süden
einströmenden Feuchtigkeit ab, so dass die Täler nördlich des
Kangchenjunga schon deutlich trockener sind.
Es ist naheliegend, bei der Beschreibung die Region zu teilen
in einen indischen und einen nepalesischen Bereich.
Der indische Teil der Region
Um keine falschen Hoffnungen auf eine
schöne Erkundungsfahrt durch die wenig besuchte Gebirgswelt Sikkims zu
wecken, sei hier einleitend vermerkt, dass für das gesamte Gebiet sehr
restriktive Reisebeschränkungen bestehen. Es kann sein, dass man für
die nördliche Zone um den Zemu-Gletscher überhaupt keine Genehmigung
erhält. Für den Zugang von Darjeeling nach Dzongri und zum Goecha La
im Süden des Kangchenjunga sind Genehmigungen leichter zu erhalten,
aber auch hier kann man abgewiesen werden. Sorgfältige Erkundigungen
und rechtzeitige Beantragungen über örtliche Agenturen sind
erforderlich.
Der indische Bundesstaat Sikkim liegt
zwischen dem subtropischen Bengalen im Süden und dem tibetischen
Hochland. Entsprechend trifft man dort auf alle Vegetations- und
Klimazonen. Die tief eingeschnittenen Täler des Südens mit urwaldartiger
Vegetation reichen bis an die hohen Berge heran. Entsprechend mühsam
und schweißtreibend ist die Annäherung. Die Genehmigungspolitik der
Behörden führt dazu, dass sich die Trekker weitgehend auf die Tour von
Darjeeling nach Dzongri und zum Goecha La beschränken müssen. Man hat den
Kangchenjunga zwar schon von Darjeeling (2310 m) aus gesehen, aber der
Berg ist natürlich viel beeindruckender, wenn man am Goecha La (4940 m)
direkt unter seiner Südwand steht. Zunächst aber muss in einem
ermüdenden Auf und Ab zwischen Talhöhen um die 500 m und Bergkämmen
zwischen 2000 m und 3000 m Höhe der Aussichtspunkt und Lagerplatz
Dzongri auf einem Bergkamm genau südlich des Kangchenjunga in 4030 m
Höhe erreicht werden. Links hat man die Gipfel Kokthang (6147 m,
Erstbesteigung 1982), Rathong (6679 m, Erstbesteigung 1964) und Kabru
(7412 m, Erstbesteigung 1994) vor sich, rechts den Pandim (6691 m,
Erstbesteigung 1978) und den Jopuno
(5936 m). Dazwischen steht die schöne Südwand des
Kangchenjunga mit dessen Südgipfel (8476 m).

Kangchenjunga (8586 m) von Dzongri im
Süden.
Von links: Hauptgipfel (8586 m), Mittelgipfel (8482 m), Südgipfel (8476
m)
Foto: Arnab,
picasaweb.google.com
Von Dzongri führt der Weg
hinunter in das Tal des Prek Chu. Der Talboden wird auf 3750 m erreicht,
wo noch ein lichter Nadelwald angetroffen wird. Das Tal hinauf finden
sich gute Lagerplätze auf der Alm Tangshing (4000 m), auf der Alm
Onglaktang (4200 m) sowie am kleinen Bergsee Samiti Lake (4350 m). Sogar
noch auf 4600 m bei Chematang findet man geeignete Lagerplätze, bevor man
die letzte Etappe zum Goecha La (4940 m) unter die Füße nimmt. Hier
steht man auf einem Pass zwischen Goecha Peak (6127 m) im Nordwesten und
Pandim (6691 m) im Südosten, die gewaltige Südwand des Kangchenjunga
direkt vor sich. Am Goecha La wird umgekehrt, denn ein Abstieg über den
Talung-Gletscher kommt kaum in Frage.

Kabru (7412 m, links in den Wolken),
Talung (7349 m) und Kangchenjunga South (8476 m) von Südosten. Im
Talgrund der Onglaktang-Gletscher mit dem Goecha Peak (6127 m) darüber.
Foto: www.myhimalayas.com
Von Dzongri aus besteht die
Möglichkeit des Übergangs über die Hauptkette nach Westen über den
Kang La (5084 m). Diesen Pass südlich des Kokthang benutzte die
Internationale Himalaya-Expedition 1930, die den Kangchenjunga über
dessen Nordwand besteigen wollte. Der Leiter der Expedition G.O.
Dyhrenfurth hatte vom nepalesischen König eine beachtenswerte
Ausnahmegenehmigung zum Betreten des Landes erhalten. Erst 1950 erhielt
dann die Expedition der Franzosen zur Annapurna wieder eine solche
Genehmigung.
Vom Kangchenjunga aus
erstreckt sich eine Gebirgskette direkt nach Osten, in der sich die Gipfel
Simvu (6811 m, Erstbesteigung 1979) und der besonders schöne Siniolchu
(6887 m, Erstbesteigung 1936) erheben. Wer eine Genehmigung zum Betreten
der östlich und nordöstlich des Kangchenjunga gelegenen Region erhält,
darf sich besonders glücklich schätzen, denn er betritt eine
Gebirgslandschaft, die nur ganz wenige Menschen mit eigenen Augen gesehen
haben.

Camp hinter der Moräne des
Zemu-Gletschers mit Blick auf den Siniolchu (6887 m, links) und
den Kangchenjunga (8586 m, rechts) im Hintergrund.
Foto: Hans
A Lotgering, pbase.com
Vom Ort Lachen (2728 m) am
Talhang des Tilsta River ist der Zemu-Gletscher in einem Marsch von 2
Tagen (Vorsicht wegen der Höhenakklimatisation) zu erreichen. Vom
Zemu-Gletscher aus näherten sich die deutschen Expeditionen von 1929 und
1931 dem Berg. Die Zunge des Zemu-Gletschers liegt auf 4000 m Höhe.
Hinter seiner nördlichen Moräne entlang (siehe Bild) führt ein leichter
Weg bis zum Green Lake (4934 m). Auf halbem Weg besticht der Siniolchu mit
seiner phantastisch schönen Form. Am Green Lake blickt man in die
gewaltige Ostwand des Kangchenjunga. Ständig donnern hier die Lawinen zu
Tal, denn am Kangchenjunga fällt besonders viel Schnee. Nach Norden
folgen die Siebentausender Twins (Gimmigella, 7350 m, Erstbesteigung
1994), Nepal Peak (7168 m, Erstbesteigung 1930, für 2 Wochen Gipfelrekord)
und Tent Peak (Kirat Chuli, 7365 m, Erstbesteigung 1939).
Vom Green Lake gibt es einen
vergletscherten Übergang nach Norden in den Bereich des Langpo Chu.
Dieses flache Hochtal in Höhen zwischen 4500 und 5000 m hat schon viel
Ähnlichkeit mit dem tibetischen Hochland. Das Klima ist hier auch bereits
deutlich trockener, denn die Niederschläge werden weitgehend durch
die südlicheren Bergketten abgefangen. Im Westen setzt sich die
Hauptkette fort bis zum Dreiländereck am Gipfel des Jongsang Peak (7459
m, Erstbesteigung 1930). Bis 1931 war der Jongsang Peak der höchste
bestiegene Berg der Erde. Zwischen Tent Peak und Jongsang Peak
stehen noch die Gipfel von Pyramid Peak (Pathibara, 7123 m, Erstbesteigung
1949) und Langpo (6954 m, Erstbesteigung 1909).
Am Jongsang Peak beginnt die
Kette der Chorten Nyima Range, zunächst noch nach Norden verlaufend, dann
aber nach Osten. Die höchste Erhebung ist der Chorten Nyima (6927 m,
Erstbesteigung 1930).
Der nepalesische Teil der
Region
Heute erreichen Trekker und
Bergsteiger den nepalesischen Teil des Kangchenjunga Himal in der Regel
über den Flughafen Suketar (2300 m) bei Taplejung im Südwesten. Aber
auch einen Busverkehr gibt es bis dorthin oder nach Ilam weiter im Osten.
Von Ilam führt ein Weg nach Norden über einige niedrige Pässe ins Tal
des Yalung-Gletschers. Von Suketar führt der Weg in der Regel ins Tal des
Tamor und von dort entweder nach Ghunsa im Nordwesten zum Pangpema-Trek
oder nach Norden ins Yangma-Tal. Alle Anmarschwege sind relativ lang, was
allerdings den Vorteil hat, dass sich der Organismus besser an die Höhe
anpassen kann.
Das Tal des Simbuwa Khola
führt an den Yalung-Gletscher, der von der Südwestflanke des
Kangchenjunga herunterkommt. Den eigentlichen Fuß des Kangchenjunga
erreicht der Trekker in der Regel nicht, denn es wäre der obere Teil des
Yalung-Gletschers und seine Seitengletscher zu betreten, was in Anbetracht
deren Wildheit nur dem sehr Geübten angeraten werden kann. Hinter der
nördlichen Moräne des Gletschers kommt man doch immerhin bis zum
Lagerplatz Oktang auf 4730 m Höhe mit gutem Blick in die
Südwestflanke des Kangchenjunga. Über diese Flanke führte die Route der
Erstbesteiger. Am 25. Mai 1995 standen die Briten George Band und Joe
Brown auf dem Gipfel, am 26. Mai ihre Kameraden Norman Hardy und Tony
Streather. Auf dem Weg nach Oktang befinden sich die aussichtsreichen
Lagerplätze Tseram (3870 m), Yalung Bara, Lapsang (4430 m) und Ramze
(4580 m).

Kangchenjunga (8586 m) vom
Yalung-Gletscher
Von links: Yalung Kang (8505 m), Hauptgipfel (8586 m), Mittelgipfel
(8482 m), Südgipfel (8476 m)
Foto: Herman Kristen,
volvo, picasaweb.google.com

Blick vom Camp 6250 in der Südwestflanke
des Kangchenjunga zum Yalung-Gletscher.
Der Berg rechts der Bildmitte ist der Tso Kang North (6309 m),
links
daneben ist der Boktoh (6142 m) zu sehen.
Foto: Herman Kristen,
volvo, picasaweb.google.com